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Wie sehen uns die Psychologen?
von Helene

Der folgende Text möchte einen kurzen Überblick geben zu den Themen: Wie sehen uns (viele) Psychologen und Psychotherapeuten und Wie sehen wir uns selbst?

Inhalt:

  1. Wie sehen uns (viele) Psychologen und Psychotherapeuten? - Eine kurze Literaturübersicht
    1. Diagnostische Kriterien für 302.84 (F65.5) Sexueller Sadismus sowie Diagnostische Kriterien für 302.83 (F65.5) Sexueller Masochismus
    2. Differentialdiagnose der Paraphilien
    3. F65.5 Sadomasochismus
    4. Die Psychologie des Sadomasochismus (SM)

  2. Wie sehen wir uns selbst
    1. Grundprinzip
    2. Praktiken
    3. Individueller Zugang zu Sadomasochismus
    4. Wie sind wir organisiert?
    5. Wann brauchen Sadomasochisten einen Psychologen oder Psychotherapeuten?
    6. Was erwartet ein Sadomasochist von einem Therapeuten?
    7. Wann legen helfende Sadomasochisten einem anderen Sadomasochisten nahe, einen Therapeuten aufzusuchen?
    8. Was können Sadomasochisten den Therapeuten an Information anbieten?


1. Wie sehen uns (viele) Psychologen und Psychotherapeuten? - Eine kurze Literaturübersicht

a. Diagnostische Kriterien für 302.84 (F65.5) Sexueller Sadismus sowie Diagnostische Kriterien für 302.83 (F65.5) Sexueller Masochismus

Das Diagnostische und statistische Manual psychischer Störungen legt international die Kriterien für die Diagnose von psychiatrischen Erkrankungen fest. Zu den Themen Sadismus und Masochismus wird fort folgendes gesagt:

A. Über einen Zeitraum von mindestens 6 Monaten wiederkehrende, intensive sexuell erregende Phantasien, sexuell dranghafte Bedürfnisse oder Verhaltensweisen, welche einen (realen, nicht simulierten) Akt der Demütigung, des Geschlagen-, bzw. Gefesseltwerdens oder sonstigen Leidens beinhalten.

B. Die Phantasien, sexuell dranghaften Bedürfnisse oder Verhaltensweisen verursachen in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.

Quelle: Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen DSM-IV: übersetzt nach der vierten Auflage des Diagnostic and Statistic Manual of Mental Disorders der American Psychiatric Association / dt. Bearbeitung und Einführung von Henning Sass. Göttingen; Bern; Toronto; Seattle: Hogrefe, Verlag für Psychologie, 1996, ISBN 3-8017-0810-1, S. 593-605.

b. Differentialdiagnose der Paraphilien

(umfassen Exhibitionismus, Fetischismus, Frotteurismus, Pädophilie, Sexueller Masochismus, Sexueller Sadismus, Transvestitischer Fetischismus und Voyeurismus)

Von Paraphilien sind abzugrenzen: Nichtpathologischer Einsatz sexueller Phantasien, Verhaltensweisen oder Objekte

Kennzeichen der anderen Störung im Gegensatz zu einer Paraphilie: Führt nicht in klinisch bedeutsamer Weise zu Leiden oder Beeinträchtigung, ist typischerweise nicht obligatorisch für das sexuelle Funktionieren und beinhaltet gegenseitiges Einverständnis der Partner.

Quelle: Handbuch der Differenzialdiagnosen DSM-IV, Henning Saß, Hans Ulrich Wittchen, Michael Zaudig, Verlag Hogrefe, ISBN 3-8017-0976-0

c. F65.5 Sadomasochismus

Die International Classification of Diseases and Related Health Problems ICD-10 ist ebenfalls ein Diagnoseschlüssel, der im Gegensatz zu DSM alle Arten von Krankheiten erfasst. In Deutschland sind seit Anfang des Jahres 2000 alle Kassenärzte vertraglich verpflichtet, ihre Diagnosen mit diesem Schlüssel versehen an die Kassenärztlichen Vereinigungen zu senden. (_Nicht_ an die Krankenkassen; dort kommen die Daten laut Auskunft des Bundesgesundheitsministeriums ohne Koppelung von Patientendaten und Diagnoseschlüssel an.)

Definition von Sadomasochismus:
Es werden sexuelle Aktivitäten mit Zufügung von Schmerzen, Erniedrigung oder Fesseln bevorzugt. Wenn die betroffene Person diese Art der Stimulation erleidet, handelt es sich um Masochismus; wenn sie sie jemand anderem zufügt, um Sadismus. Oft empfindet die betroffene Person sowohl bei masochistischen als auch bei sadistischen Aktivitäten sexuelle Erregung.

Dazugehörige Begriffe:

Masochismus- Sadismus

Diagnostische Kriterien

A. Die allgemeinen Kriterien für eine Störung der Sexualpräferenz (F65) müssen erfüllt sein.

B. Präferenz für sexuelle Aktivitäten entweder als passive (Masochismus) oder als aktive Person (Sadismus) oder beides, bei denen mindestens eines der folgenden Charakteristika vorliegt:

1. Schmerzen

2. Erniedrigung

3. Unterwerfung

C. Die sadomasochistische Aktivität ist die wichtigste Quelle sexueller Erregung für sexuelle Befriedigung.

Quelle: Weltgesundheitsorganisation, Taschenführer zur Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10, Verlag Hans Huber, ISBN 3-456-82871-3

d. Die Psychologie des Sadomasochismus (SM)

Dieser Text ist bei Datenschlag zu finden.

Quelle: Journal of Social Work and Human Sexuality 7;1(1988), S. 43-56, Charles Moser, Ph.D., M.D.

2. Wie sehen wir uns selbst?

a. Grundprinzip

Das Grundprinzip der sadomasochistischen Subkultur lautet:

safe - sane - consensual: sicher - vernünftig - einvernehmlich

b. Praktiken

Es handelt sich um Praktiken und/oder Phantasien die entweder alleine, häufig zu zweit, manchmal in Gruppen erlebt/empfunden werden.

Es kann sich dabei um Praktiken und/oder Phantasien handeln, die mit Schmerz, Erniedrigung, Unterwerfung zu tun haben. Kann: Das heißt, es handelt sich aber um eine unzulässige Vereinfachung. Ein wesentliche Punkt der von Außenstehenden selten vermutet wird, ist Zärtlichkeit. Das Spektrum ist so groß und individuell, dass sich derzeit keine für alle Praktizierenden und/oder Phantasierenden passende Formulierung finden lässt. Es lässt sich nicht einmal etwas ausschließen wie «alles außer 'normalem' Sex» (Geschlechtsverkehr) - denn dieser ist bei sehr vielen ein integraler Bestandteil ihrer sexuellen Praktik.

Empfehlung und Quelle: Sadomasochismus, was ist das? Datenschlag

c. Individueller Zugang zu Sadomasochismus

Der Zugang zu Sadomasochismus ist bei jedem Menschen anders. Es gibt wohl Parallelen, aber die meisten SadomasochistInnen lernen im Umgang mit anderen täglich Neues hinzu und haben es sich längst abgewöhnt, an althergebrachten Vorurteilen festzuhalten.

Eine umfassende Befragung: «Datenschlag Peinliche Befragung I - Alte Fragen neu gestellt» (2000 Fragebögen) zum Thema Sadomasochismus findet sich bei Datenschlag.

Die Fragen spannen einen Bogen von Alter und Geschlecht über die sadomasochistische Rollenorientierung und die Partnerfindung bis zur Therapieerfahrung.

d. Wie sind wir organisiert?

In der sadomasochistischen Subkultur hat sich eine Art Coachingsystem etabliert. Erfahrene SadomasochistInnen stehen NeueinsteigerInnen und Hilfesuchenden zur Verfügung. Dieses System funktioniert via SM-Vereine, Stammtische, Mailinglisten, Workshops und auch durch individuelle Betreuung.

Die verschiedenen SM-Vereine, Stammtische und sonstige AktivistInnen sind im deutschsprachigen Raum via Internet und Gruppentreffen gut vernetzt. Es bestehen neben den regionalen Gruppen auch überregionale für Pressearbeit, Betreuung von Hilfesuchenden, spezielle Gruppen nur für Frauen und vieles mehr.

e. Wann brauchen Sadomasochisten einen Psychologen oder Psychotherapeuten?

Genau so wie jeder Nicht-Sadomasochist auch:

  • wenn er sich in einer Lebenskrise befindet
  • wenn das Verhalten immer wieder zu den gleichen oder sehr ähnlichen negativen Ergebnissen führt
  • wenn er den Sinn seines Dasein hinterfragt
  • wenn er mit seinen Emotionen, Gefühlen nicht zu Rande kommt
  • wenn er seine Persönlichkeit weiter entwickeln möchte

Und dann noch unter anderem:

  • wenn Sadomasochisten für sich selbst professionell hinterfragen möchten: Warum bin ich so? Woher kommt es?
  • wenn Sadomasochisten, die anderen helfend zur Seite stehen an Themen kommen über die sie mit einem Therapeuten sprechen wollen, also Supervision benötigen.
  • wenn Sadomasochisten, die anderen helfend zur Seite stehen, in Situationen kommen, die negative Erlebnisse ihrer Vergangenheit berühren und sie daher Therapie benötigen.
  • ...

f. Was erwartet ein Sadomasochist von einem Therapeuten?

  • Dass er genau so wertfrei behandelt wird wie jeder Nicht-Sadomasochist auch
  • Dass der Therapeut den Unterschied zwischen krankhaftem Sadismus bzw. Masochismus und praktizierbarem Sadomasochismus nach DSM-IV, Diagnostic and Statistic Manual of Mental Disorders kennt und akzeptiert
  • Dass er nicht hinter jedem Verhalten des Klienten einen Zusammenhang zu seiner sexuellen Vorliebe sucht bzw. unterstellt
  • Wenn der Therapeut (persönliche) Ressentiments gegenüber dem Thema Sadomasochismus hegt, leitet er den Klienten an einen Kollegen weiter, der mit dem Thema gut klar kommt.

g. Wann legen helfende Sadomasochisten einem anderen Sadomasochisten nahe, einen Therapeuten aufzusuchen?

  • Wenn sie/er, wie eingangs beschrieben, sich in so einer Situation befindet
  • Wenn die Vermutung nahe liegt, dass emotionale, soziale, psychische Unselbständigkeit durch Sadomasochismus kompensiert wird oder werden soll: «Ich möchte für mich und mein Leben nicht die Verantwortung übernehmen, also unterwerfe ich mich einem Topp und muss es dann auch nicht tun!»
  • Wenn eine dominante/sadistische Persönlichkeit die Grenzen der/des Partners im sadomasochistischen Spiel und/oder im realen Leben nicht erkennen kann, akzeptiert bzw. diese nichteinvernehmlich überschreitet
  • Wenn die Vermutung besteht, dass es sich um eine Persönlichkeit handelt, die nicht den Kriterien der DSM IV entspricht, das heißt, es sich vermutlich um ein krankhaftes Verhalten handelt.

    Einige Beispiele:
  • Krankhafter Sadismus oder Masochismus
  • Das «Nachher-Gefühl»: Eigentlich will ich das nicht, aber ich brauche es ...
  • Das «Nachher-Gefühl» des schlechten Gewissens hochkommt, ES wieder getan zu haben ...
  • Wenn jemand Sadomasochistische Praktiken dazu benütz um für ihre/seine realen «Verfehlungen» Strafe und damit Vergebung zu erhalten, es als Reinigung und damit zum Freibrief für neue Sünden wird
  • Wenn SadomasochistInnen durch praktizierten Sadomasochismus in die Situation kommen, dass nicht verarbeitet Traumata der Vergangenheit wieder hoch kommen.
  • Wenn SadomasochistInnen in die Hände eines krankhaften Sadisten oder Masochisten gekommen sind und Hilfe benötigen um ihr Leben und ihre Sexualität wieder in den Griff zu bekommen.
  • «Ich habe mit meiner sexuellen Vorliebe nur Probleme, weil ... Ich will das los werden!»
  • Wenn es auf Grund von Sadomasochismus zu partnerschaftlichen Konflikten kommt


h. Was können SadomasochistInnen den Therapeuten an Information anbieten?

Es gibt mittlerweile nahezu in jeder größeren Stadt im deutschsprachigen Raum einen SM-Verein oder Stammtisch, bei dem sich regelmäßig SadomasochistInnen treffen. Hier sind nicht nur Personen willkommen, die bereits praktizierende SadomasochistInnen sind oder es werden möchten, sondern auch Personen, die sich mit dem Thema, warum auch immer, auseinandersetzen möchten. Damit sind natürlich auch alle Fachleute willkommen, wie z.B. Psychologen und Psychotherapeuten.
Die aktuellste Liste aller Vereine und Stammtische befindet sich auf der Homepage des Magazins "Schlagzeilen".

Im Internet gibt es zahlreiche Information von Gruppen sowie Ansprechpartner.

Eine der wichtigsten Informationsquellen ist die Homepage von Datenschlag.org



Weitere Gruppen und Ansprechpartner in Österreich:

bdsm.at, insbesondere bdsm.at/helene. Ansprechpartnerin: helene at bdsm.at

libertine.at

schlagartig.at

 

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